Dekade zur Überwindung von Gewalt

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NIEMAND HAT GRÖSSERE LIEBE

ALS DIE, DASS ER SEIN LEBEN ...



Dies soll ein Nachruf werden auf einen Mann, den ich so gut wie nicht gekannt habe. Ein Nachruf? Den darf doch nur verfassen, wer die Person gut gekannt hat, die er darstellt. Gut gekannt! Rührt sich in mir mein theologischer Vorbehalt gegen den Hochmut, den Glauben oder Aberglauben, einen Menschen zu kennen, oder drückt sich meine eher pragmatische Skepsis aus, wie gut einer den wirklich kennt, über den er spricht? Bei der Trauerfeier für den Mann, von dem zu erzählen ich mir vorgenommen habe, gab es keinen Nachruf außer dem, was ich als Pfarrer glaubte sagen zu müssen. Ich wehre mich nicht dagegen, dass meine Traueransprachen Nachrufe seien; da treten noch einmal ein paar markante Punkte des Lebenslaufs auf, der sich vollendet hat. Dass ich diese Stationen deutend darstelle, das unterscheidet mich nicht von anderen Rednern. Darum kann es auch zum Konflikt kommen zwischen dem, was ich darstelle, und dem, was einem anderen bedeutsam erscheint. Predigt und Nachrufe bewegen sich nicht einfach auf verschiedenen Ebenen. Da können Deutungen konträr gegeneinander treten.

Kein Nachruf bei der Trauerfeier für diesen Mann. Die sollte so still und privat wie möglich ablaufen. So waren - nicht einmal in der Friedhofshalle, sondern in der Feierkapelle des Beerdigungsinstituts - nur die Witwe, deren Schwester und Schwager versammelt. Das entspreche seiner bescheidenen Art, wurde mir beim Vorbereitungsgespräch vermittelt. Diese Bescheidenheit war für mich allerdings bloß ein Randphänomen des Größeren, mit dem sich für mich dieses Leben verbindet.

Ich habe ihn so gut wie nicht gekannt. Er lag vor seinem Tod noch einige Zeit im Krankenhaus, im einzigen Krankenhaus Freiburgs, das es sich zur christlichen Pflicht gemacht hat, die Pfarrämter in Kenntnis zu setzen über die Gemeindeglieder, die auf Station liegen. Durch diesen Umstand kam es zu meinem Besuch bei ihm. Ein gutes Gespräch. Gut in dem Sinn, dass er sich gefreut und erzählt hat und ich als Gast willkommen an seinem Bett war. Mehr aber auch nicht. Nichts, was diesen Besuch von anderen angenehmen Krankenbesuchen unter-

schieden hätte. Kennengelernt habe ich ihn erst, als er gestorben war, aus den Berichten der beiden Schwestern, von der eine seine dritte Frau war. Obgleich wir Theologen skeptisch sind gegen die bloß mündliche Überlieferung, weil jedes Erzählen die Gewichte des Berichteten verschiebt, Nebenzüge herausstreicht und Wesentliches zurücksetzt, erscheint mir eher das Gegenteil richtig: Nicht das Dokumentierte, sondern das persönlich Bezeugte ist wahrer, weil näher bei der Wirklichkeit. Auch im Blick auf Nachrufredner scheint mir wichtig: Die Zeit als Quantum, das ich mit einem Menschen gemeinsam verbracht habe, entscheidet noch nicht darüber, wie intensiv ich eine Person kennengelernt habe.

Seine Witwe war seine dritte Frau, die zweite hat er überlebt, und die erste Ehe wurde nach dem Kriege geschieden nein: aufgelöst, für ungültig erklärt. Ob die erste Frau ihres Mannes, eine Halbjüdin, noch am Leben war, als er starb, das wusste seine dritte Frau und Witwe nicht. In der zweiten Ehe sei der Kontakt zur ersten Frau verloren gegangen. Die zweite Frau habe wohl nicht direkt Wert darauf gelegt, dass dieser Kontakt zum Erliegen kam, habe sich aber auch nicht darum bemüht, dass er erhalten bliebe. Wer die eigene Eifersucht fürchtet, stellt sie damit bereits unter Beweis. "Ich werde dir nie vergessen, was du für mich getan hast!" hatte die erste Frau gesagt, nachdem die Ehe aufgelöst, für ungültig erklärt worden war. Hatte es gesagt, obgleich diese Ehe nicht weiterbestand. Dieser Dank hebt die Beziehung dieser beiden auf eine andere Ebene als die eheliche. Was du für mich getan hast! Er hatte sie geheiratet. Das hatte er für sie getan. Und obgleich die Ehe aufgelöst wurde, dankte sie ihm für diese Ehe. Er war Beamter, Regierungsinspektor, durfte weder eine Jüdin noch eine Halbjüdin heiraten in einer Zeit, als Juden Untermenschen, Unmenschen waren. Er hatte sie als Halbjüdin geheiratet. Nun war dieser Frau auch das Glück entgegengekommen. Doch braucht sich einer bei seiner guten Tat des Glücks nicht zu schämen. Schicksal: Jene Frau hatte eine Halbschwester gehabt, eine reinrassige arische Schwester. Und diese arische Halbschwester war früh verstorben. Das Unglück der einen ist das Glück der anderen: Der frühe Tod der einen Schwester verhalf der Halbjüdin zu den Papieren, die ihre Reinrassigkeit unter Beweis stellten. Wieviel Notlüge im Blick auf die verschiedenen Vornamen dabei noch im Spiel war, wieviel Betrug gegenüber einer betrügerischen Gesetzgebung entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls hat sich diese Frau dem Regierungsinspektor, der ihr zuverlässig erschien, anvertraut. Und er hat sie geheiratet, hat sich auf die falschen Papiere, das "Erbstück" der toten Halbschwester, berufen, hat den Betrug gedeckt, hat als Beamter durch diese Ehe "seiner" halbjüdischen Frau den arischen Rahmen geschaffen, in dem sie die nationalsozialistischen Pogrome überleben konnte.

Diese Ehe als Schutzraum für eine Halbjüdin hat ihre Zeit gehabt. Als das Menschenmorden vorbei war, konnten sich beide in die Freiheit entlassen: "Ich werde dir nie vergessen, was du für mich getan hast!" Mit diesem Dankeswort hatten die beiden eine Ebene gefunden, auf der für sie auch außerhalb ihrer Ehe Liebe Treue, ihre Beziehung überdauern konnte.

Klaus Paetzholdt