Dekade zur Überwindung von Gewalt

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Hunger

Die Bahnhofsmission, in der ich ehrenamtlich mitarbeite, lebt hauptsächlich von Spenden. Morgens und abends können unsere Gäste Schmalz- oder Marmeladenbrote bekommen. Das Brot wird uns geschenkt. Mitunter gibt uns ein Gourmet-Restaurant köstliche Speisereste, die es am nächsten Tag nicht mehr verkaufen möchte.

Diese Reste sind bei unseren Besuchern sehr begehrt.

Besonders ein Gast, ein älterer Mann, hatte sich genau die Zeiten gemerkt, in denen wir in dem besagten Restaurant nachfragten. Kamen wir mit einer Tüte wieder, beugte er sich sofort über unseren Tresen und sah gierig zu, welche Leckerbissen wir auspackten. In seinen Forderungen wurde er oft maßlos – er hat immer Hunger.

Regelmäßig ermahnten wir ihn: alle möchten gern etwas davon essen! Seine Grenzenlosigkeit nervte uns mitunter. Einige Gäste wurden dadurch eingeschüchtert und wagten nicht, um etwas zu bitten. Auch im Gespräch mit den anderen zeigte sich Herr Faller (Name geändert) meist aggressiv und rechthaberisch. „Container-Spezi“ spotteten sie hinter seinem Rücken, denn der Hüne holte allerlei nützliche Dinge aus den Müllbehältern der Stadt.

Einmal hatten wir besonders reichlich „gute Sachen“ vom Restaurant bekommen, so dass für den Abend noch einiges davon übrig blieb. „Kann ich von dem herrlichen Schinken bekommen?“ fragte mich Herr Faller. „Nein“, antwortete ich. „Sie bekamen schon heute morgen reichlich. Jetzt sind die anderen dran.“ – „Woher wollen Sie das wissen? Sie waren ja nicht da? Geben Sie jetzt was!“ – „Nein, davon nicht. Aber ein Schmalz- oder Marmeladenbrot kann ich Ihnen schmieren“, erwiderte ich ruhig. „Unverschämt!“ schrie Herr Faller erbost...... Der Zuckerstreuer fiel zur Erde, Zucker rieselte über den Boden. Ich war wütend. Wortlos holte ich aus dem Nebenraum Handfeger und Schaufel. – „Lassen Sie nur. Das mache ich schon“, sagte ein Gast zu mir. „Dann können Sie weiter unsere Brote schmieren!“ – „Danke“, antwortete ich. Herr Faller war gegangen.

Seitdem waren Wochen vergangen. In der letzten Zeit kam fast täglich ein älterer Gast. Er klagte über seinen schmerzenden Magen. Wir kochten ihm Kamillentee und boten ihm trockenes Weißbrot an. Herr Whyl war ein stiller Mann. Eines Tages hatten wir wieder reichlich Aufschnitt geschenkt bekommen und außerdem einige Töpfchen mit Süßspeise. Am Abend erhielt Herr Faller zwei gute Brote mit Schinken. „Kann ich noch den letzten Pudding bekommen?“ fragte er. – „Ja“ antwortete der Zivi, der die Brote anrichtete. Schon wollte Herr Faller nach dem Dessert greifen, da sah er Herrn Whyl kommen. Herr Faller hielt inne, sah den Zivi an und sagte: „Nein, den Pudding geben Sie dem da, der wird seinem Magen gut tun“. Dabei zeigte er auf Herrn Whyl.

Dieser aß dann die Speise ganz andächtig, nachdem er sich umständlich bei Herrn Faller bedankt hatte. Herr Faller strahlte. Als ich vom Gleis zurückkam, erzählte mir unser Zivi die Geschichte.... „und Herr Faller hat doch ein gutes Herz“, schloss er seinen Bericht und lachte froh.

„Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden“.

Lukas 6,37

Brünhilde Gallé, alt-katholisch